Bürgerinitiative Pro Tempo 50 – Gegen Tempo 30

Bürgerinitiative pro Tempo 50 (und gegen Tempo 30)

Da haben wir’s!

Seit 29.10.2015 ist es „amtlich“: Lärm schädigt die Gesundheit weniger, als bisher angenommen! Das ist das erstaunliche Ergebnis der bisher größten und längsten Studie zur Untersuchung von Verkehrslärm. Die nun viel detailreicher vorliegenden Erkenntnisse widersprechen damit den gerne aus kleineren, älteren und weit schwächeren Studien von Vertretern der Anti-Autoverkehrslobby herausgepickten Behauptungen, Lärm führe zu starken gesundheitlichen Beeinträchtigungen, v.a. zu erhöhtem Blutdruck und haufenweise Herzinfarkten.

Die neue Studie straft diese Leute Lügen:

Es konnte kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem Fluglärm-Dauerschallpegel zwischen abends 18 Uhr und morgens 6 Uhr und folgenden für Herz und Kreislauf relevanten Parametern festgestellt werden: Blutdruck, Herzfrequenz, Blutdruckamplitude (das ist der Unterschied zwischen dem oberen und dem unteren Wert einer Blutdruckmessung). Gleiches gilt für den Straßen- und Schienenverkehrslärm: Auch hier konnte das NORAH-Team für keinen Messwert eine statistisch eindeutige Beziehung nachweisen.

Die Studie hat eine Vielzahl weiterer Faktoren erfasst, zum Beispiel das Alter, das Geschlecht, den sozialen Status, Medikamenteneinnahme, Übergewicht oder Rauchen. Auch wenn diese Faktoren durch statistische Verfahren kontrolliert wurden, war kein signifikanter Zusammenhang zwischen Fluglärm und Blutdruck nachweisbar. Das NORAH-Team untersuchte auch andere Tages- und Nachtzeiträume als von 18 bis 6 Uhr, kam aber stets zu ähnlichen Ergebnissen.

[…]

Insgesamt sind die Ergebnisse der NORAH-Blutdruckstudie mit dem Stand eines Großteils der bisherigen Forschung vergleichbar. Nur wenige frühere Studien hatten Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Fluglärm und Blutdruck gefunden, die jedoch auf einer deutlich kleineren Datenbasis standen.

Bumm. Das sitzt.

Aber halt, damit gibt es noch keinen Freispruch für Lärm. Lärm kann ja auch noch andere gesundheitliche Schäden hervorrufen. Und in der Tat, es gibt welche [2]:

Die statistisch größten mit Verkehrsgeräuschen verbundenen Erkrankungsrisiken zeigten sich in Bezug auf die 10-dB-Pegelzunahme v.a. hinsichtlich einer unipolaren depressiven Episode – und zwar statistisch signifikant für alle drei Verkehrsarten.

Hinsichtlich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren die Effekte der Schienen- und Straßenverkehrsgeräusche auf Herzinsuffizienz, Herzinfarkt und Schlaganfall deutlicher als die der Luftverkehrsgeräusche.

Bei Straßenverkehrsgeräuschen zeigten sich die höchsten statistisch signifikanten Risiko-Anstiege pro 10 dB Pegelzunahme bei depressiven Episoden (4,1%), Herzinfarkt (2,8%), Herzinsuffizienz (2,4%) und Schlaganfall (1,7%).

Und was machen einige Medien daraus? Sehen wir uns stellvertretend die Meldung der „Ärztezeitung-Online“ an:

Dauerlärm macht depressiv und herzkrank

Wer dauerhaftem Verkehrslärm ausgesetzt ist, hat ein signifikant erhöhtes Risiko, an einer Depression oder Herzinsuffizienz zu erkranken. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der Lärmwirkungsstudie NORAH („Noise-Related Annoyance, Cognition and Health“), deren Ergebnisse am Donnerstag in Frankfurt am Main vorgestellt worden sind.

[…]

Die NORAH-Studie belegt, dass Verkehrslärm das Risiko, einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Herzinsuffizienz zu entwickeln, erhöht. Bei alleiniger Berücksichtigung des Dauerschallpegels fand sich das höchste Risiko für eine Herzinsuffizienz beim Schienenlärm, gefolgt von Straßen- und Fluglärm. Auch beim Schlaganfall wiesen die Wissenschaftler einen statistisch signifikanten Zusammenhang zu allen drei Verkehrslärmarten nach, wobei sich Fluglärm nur bei Berücksichtigung der nächtlichen Maximal-Pegel von mehr als 60 Dezibel auf das Schlaganfallrisiko auswirkt. Das Herzinfarktrisiko war vor allem bei Straßen- und Schienenverkehr erhöht.

Diese Schlußfolgerung zu ziehen, ist typisch für Medien, die reisserische Überschriften brauchen und für wichtiger erachten, als eine nüchterne, objektive Einordnung der neuen Erkenntnisse.

Zunächst einmal: „statistisch signifikantes Risiko“, wie es die Studie schreibt, ist etwas völlig anderes als ein „signifikant erhöhtes Risiko“, das die Ärztezeitung daraus macht. „Statistisch signifikant“ sagt nichts weiter aus, als dass überhaupt ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung belegbar ist. Die Aussage „signifikant erhöhtes Risiko“ bedeutet hingegen, dass das nicht nur einfach nur belegbar steigt, sondern auch von der Größe her deutlich steigt. Wenn also (als Beispiel) von allen Nichtrauchern 35 von 100.000 pro Jahr einen Lungenkrebs entwickeln, aber 60 von 100.000 Rauchern, dann kann man sicher zu Recht sagen, „Raucher haben ein  signifikant erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken“. Raucher haben dann nämlich ein 1,71-faches Risiko (60/35) gegenüber Nichtrauchern, oder ein um 71 % höheres Risiko. Das ist wahrlich signifikant, wobei es absolut gesehen immer noch ein kleines Risiko (1:1667) ist.

Und über was reden wir hier? Über – schlimmstenfalls – 4,1 % pro 10 dB(A) Pegelzunahme. Zu den 10 dB(A) Pegelzunahme kommen wir unten noch, betrachten wir erst einmal die schlimmstmögliche Steigerung um 4,1 %. Ob das nun eine „signifikante“, also „deutliche“ Zunahme ist, das liegt an der Definition, ab wann man etwas als „deutlichen“ Effekt einordnen will. Sind 5 % Änderung deutlich, oder erst 10%, oder gar schon 1 %? Nehmen wir die beiden oben benutzen Inzidenzen, dann gäbe es bei 4,1 % mehr Fällen statt 35/100.000 Lungenkrebsfällen in der Gruppe der Nichtraucher dann 36,4/100.000 in der Gruppe der Raucher. Ist das „deutlich“? Ich würde sagen, nein, das ist von der Größenordnung fast genau gleich.

Und jetzt kommen wir zu den 10 dB(A) Pegelzunahme. Die Studie sagt, für jede 10 dB(A) mehr Straßenverkehrslärm steigt das Risiko bei depressiven Episoden um 4,1%, für Herzinfarkt um 2,8%, für Herzinsuffizienz um 2,4% und für Schlaganfall um 1,7%. Also: Ja, es gibt eine messbare Zunahme von Erkrankungen mit einer Zunahme des Lärms, die aber nur sehr gering ausfällt und damit kaum spürbar ist.

Nun gehören aber für eine Schlußfolgerung in Bezug auf Verkehr und Maßnahmen die Hintergründe berücksichtigt:

  • Ist es eine nennenswerte, spürbare Zunahme für Erkrankungen?
  • Hat es überhaupt ein großes Grundrisiko, sodass sich eine Erhöhung desselben auch zahlenmäßig bei den Fallzahlen stark bemerkbar macht?
  • Spielt es im Vergleich zu anderen Risikofaktoren eine Rolle, oder ist es im Vergleich dazu vernachlässigbar klein?
  • Was sind die Konsequenzen in Bezug auf den Verkehr?
  • Was sind die Konsequenzen in Bezug auf den Lärmschutz?
  • Welchen Einfluss hat eine Senkung von T50 auf T30?

Eine Änderung des Risikos um niedrige einstellige Werte ist kein großes Ding, wie oben gezeigt. Wenn man noch die anderen Ursachen für die oben zitierten Krankheiten berücksichtigt, dürfte Lärm zu den geringsten Einflüssen gehören: Stress am Arbeitsplatz, Überlastung, fehlende Freizeit, Ärger im privaten Umfeld, soziale Isolation, das alles sind ebenfalls wichtige Faktoren für die Entwicklung einer Depression und sogar teilweise Faktoren für  Herzinfarkt, für Herzinsuffizienz und für Schlaganfall. Zu letzteren kommen als große, und weit größere Faktoren, Mangel an Bewegung, falsche Ernährung, Übergewicht, Diabetes,  Bluthochdruck, das Lebensalter, Hypercholesterinämie  und ggf.  Alkoholmißbrauch und das Rauchen als Risikofaktorn hinzu. Dagegen spielt der Einfluss einer Änderung des Lärms um 10, 20 oder sogar 30 dB(A) kaum eine Rolle.

Und nun kommen wir ganz konkret zum Verkehrslärm. Eine Änderung um nur 10 dB(A) bedeutet im Straßenverkehr eine Verzehnfachung des Verkehrs! Wie realistisch ist das denn, die Verkehrsmenge an einer Straße um den Faktor 10 zu senken, nur um das Risiko einer Depression um lächerliche 4,1 % zu senken? Völlig irreal.

Welcher Aufwand an Lärmschutzmaßnahmen wäre dann dazu nötig, um nur 10 dB(A) Lämminderung herbei zu führen? T30 statt T50 bringt nur kaum hörbare 2,1 bis 2,6 dB(A) Lärmminderung. Nur als (teures) Maßnahmenpaket mit mehreren Maßnahmen wie lärmarmem Straßenbelag, lärmarmer Schachtabdeckung, Verbot von Schwerlastverkehr, Reduzierung der Verkehrsmenge und Drosselung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit ist das machbar. Für eine Senkung des Risikos um lächerliche Beträge?

Und was ist nun der Gewinn, wenn man alleine von T50 auf T30 absenkt? Die Lärmreduktion liegt im Bereich von 2,1 bis 2,6 dB(A) weit weg von 10 dB(A), die selbst gerade mal eine Risikoänderung von 4,1 % ausmachen würden. Mit nur 2,6 dB(A) Lärmänderung erreicht nicht einmal das, sondern quasi gar nichts!

Hat also eine Senkung von T50 auf T30 irgendeinen signifikanten Gewinn an Gesundheit im Lärmkontext zur Folge? Nein.

Quellen

[1] http://www.laermstudie.de/ergebnisse/ergebnisse-im-ueberblick/blutdruck/

[2] Verkehrslärmwirkungen im Flughafenumfeld, Band 7: Gesamtbetrachtung des Forschungsprojekts NORAH, Gemeinnützige Umwelthaus GmbH, Kelsterbach, 07. Oktober 2015

[3] Ärztezeitung-Online: Dauerlärm macht depressiv und krank, 29.10.2015

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